Bitterfelder Bernstein versus Baltischer Bernstein: Hypothesen, Fakten, Fragen

24. Treffen des Arbeitskreises Bergbaufolgen vom 25. bis 27. September 2008 in Bitterfeld
(Jochen Rascher, Freiberg; Roland Wimmer, Bitterfeld; Günter Krumbiegel, Halle)

Nur Wenige, die von der Höhe des Pegelturms bei Bitterfeld ihren Blick über den „Bernsteinsee“ – den gefluteten Braunkohlentagebau Goitsche – schweifen lassen, werden dabei wirklich eine Assoziation zu Bernsteinen haben; und doch sind die „Tränen der Heliaden“ aus der Region Bitterfeld schon seit Jahrhunderten bekannt. Nach ersten Bernsteinfunden in der zweiten Hälfte des 17. Jh. veranlasste der sächsische Kurfürst und polnische König „August der Starke“ um 1730 eine auch nach heutigen Maßstäben sehr fundiert durchgeführte geologische Bewertung der Fundstellen in der Schmiedeberger Endmoräne. Es sollten danach allerdings noch einmal über zwei Jahrhunderte vergehen, bis der „Sächsische Bernstein“ von 1975 bis 1993 im Braunkohlentagebau Goitsche bergmännisch gefördert wurde. In der nach 1945 einzigen abgebauten deutschen Bernsteinlagerstätte tritt der Bernstein in lagerstättenwürdigen Konzentrationen in einem relativ begrenzten Areal im Liegenden des untermiozänen Bitterfelder Braunkohlenflözes auf. Das fossile Harz brachte der damaligen DDR als Ex-porthandelsprodukt einen nicht zu unterschätzenden Devisengewinn und den Bernsteinsammlern eine Fülle an Bernsteinarten/-varietäten und pflanzlichen sowie tierischen Inklusenmaterials ein.

Als 1993 die Bernsteingewinnung endgültig eingestellt wurde, schienen hinsichtlich der Lagerstättengenese weitgehend alle Fragen geklärt. Doch bereits auf dem I. Bitterfelder Bernsteinkolloquium (WIMMER et al. 2004, Bitterfelder Heimatblätter 2007) zeigten sich vor allem im Vergleich mit den Baltischen Bernsteinvorkommen neue Aspekte zur Lagerstättenentstehung und zu den Transport- und Ablagerungsmechanismen, die eine Reihe von offenen Fragen provozierten. Das war der Grund, weshalb sich vier Jahre später ca. 80 Spezialisten und Interessenten aus Deutschland, Polen, Österreich und der Schweiz zum II. Bitterfelder Bernsteinkolloquium – ausgerichtet vom Verein der Freunde und Förderer des Kreismuseums Bitterfeld sowie dem Arbeitskreis Bergbaufolgen der DGG e. V. – trafen, um neue Erkenntnisse zum Bitterfelder und Baltischen Bernstein auszutauschen. Sprechen Schmucksteinliebhaber, Sammler und Fachwissenschaftler von Bernstein, so ist im Allgemeinen der Baltische Bernstein gemeint. Dieser wird seit rund 150 Jahren an der samländischen Küste (Halbinsel zwischen Frischem und Kurischem Haff, Region Königsberg, heute Russland) professionell abgebaut; insgesamt weit über einhundertausend Tonnen. Eine kaum noch überschaubare Literatur befasst sich mit dem Baltischen Bernstein, der im Eozän durch den hypothetischen Fluss „Eridanos“ aus nördlich (Fennoskandien) gelegenen „Bernsteinwäldern“ nach Süden in das Samland-Chłapowo-Delta transportiert worden sein soll, um dort in der marinen Blauen Erde lagerstättenbildend eingebettet zu werden. Mit dem Aufschluss der mitteldeutschen Bernsteinlagerstätte Goitsche bei Bitterfeld trat ab 1975 eine untermiozäne Lagerstätte in Erscheinung, die im Rahmen ihrer nur achtzehnjährigen Laufzeit auf einer relativ kleinen Fläche und bei nur geringen Mächtigkeiten des Einbettungsmediums immerhin reichlich 408 t Rohbernstein geliefert hat. Dem Baltischen Bernstein vergleichbarer faunistischer und floristischer Inklusenreichtum führten bei einigen paläontologisch arbeitenden Wissenschaftlern schnell dazu, den Bitterfelder Bernstein einfach oder „nur“ als intratertiär umgelagerten Baltischen Bernstein zu deklarieren, während andere Bearbeiter nach geologischen Analysen der Bitterfelder Lagerstätte für ein selbständiges mitteldeutsches Vorkommen plädieren.

Leitthema des II. Bitterfelder Bernsteinkolloquiums war deshalb die unter Geowissenschaftlern heftig diskutierte Frage „Bitterfelder Bernstein gleich Baltischer Bernstein?“. Die Veranstaltung wollte dazu eine Plattform für einen fachübergreifenden Austausch liefern. Dabei sollte der Focus nicht – wie in der Literatur bisher üblich – auf den paläontologischen Inklusenuntersuchungen liegen, sondern daneben auch die geologische Seite näher beleuchtet werden. Aktuelle regional- und lagerstättengeologische Erkenntnisse aus beiden Bernsteinvorkommen waren ebenso wie neue paläogeographische und paläoklimatische Fakten in die Diskussion einzubringen.

Die einleitenden Referate stellten die Alterseinstufung der bernsteinführenden Ablagerungen klar. Im Baltikum stammen erste Bernsteinanreicherungen (Untere Blaue Erde) aus dem Mitteleozän (um 43 Ma), die Hauptbernsteinkonzentration findet sich untergeordnet in der Wilden, hauptsächlich jedoch in bestimmten Horizonten der marinen Blauen Erde (Obereozän, ca. 35-36 Ma). Die noch heute oft gebrauchte Einstufung in das Unteroligozän basiert auf einem veralteten Kenntnisstand. Erneute Bernsteinanreicherungen treten in fossilen Küstensanden im Oberoligozän auf (Gestreifte Sande, ca. 25 Ma). Auch in der Bitterfelder Region sind im Oberoligozän dispers verteilte Bernsteine aus den marinen Glimmersanden bekannt. Die eigentliche Bitterfelder Bernsteinlagerstätte mit geringmächtigen marinen Sanden und lagunären Schluffen (Bitterfelder Bernsteinkomplex) wird auf der Basis von zahlreichen Sporomorphenuntersuchungen in das Untermiozän (ca. 23 Ma) gestellt.

Von den meisten Autoren wurde bisher der bernsteinliefernde Wald im Norden der Baltischen Lagerstätte (Fennoskandien) angenommen. Außerdem wird seine Existenz häufig an das eozäne Klimaoptimum geknüpft. Das bekannte Auftreten von zahlreichen paläozänen bis untermiozänen Braunkohlenflözen belegt allerdings, dass harzproduzierende Wälder auch nach dem „Klimaumbruch“ im Unteroligozän immer mehr oder weniger permanent im Hinterland der Paläo-Nordsee vorhanden waren und es keinen Zwang gibt, einen einzigen, über längere Zeiträume existierenden „Bernsteinwald“ zu postulieren.

Das Hauptargument für eine Gleichheit von Baltischem und Bitterfelder Bernstein wird aus den Inklusenfunden abgeleitet. Speziell die entomologischen Untersuchungen belegen für beide Lagerstätten identische Einschlüsse teilweise bis auf das Artenniveau hinab. Dabei werden die jeweils nur im Baltikum oder nur im Bitterfelder Raum auftretenden Faunen- und Florenelemente ebenso vernachlässigt wie eine schichtkonkrete Zuordnung der Inklusenfunde (vgl. oben). Schon allein aus geostatistischen Gründen sind die Funde aus beiden Vorkommen (Sammeltätigkeit im Baltikum rund 150 Jahre und in Bitterfeld nur 18 Jahre sowie eine extrem unterschiedliche Bernsteinmenge; vgl. oben) so nicht vergleichbar.

Die Hauptfrage aber ist, ob und wie es geologisch möglich sein kann, dass obereozäner Bal-tischer Bernstein mehr als 12 Ma später und einem Transport von rund 700 km im Raum Bitterfeld ankommt und dort in einem nur wenige ha großen Areal in hoher Konzentration (Lagerstätte) wieder abgelagert wird. Dabei wird vorausgesetzt, dass dieser Bernstein aus der Blauen Erde stammt, die jedoch bereits mit oligozänen Sedimenten bedeckt war. Die Aufarbeitung bzw. Freilegung des Bernsteins könnte deshalb nur durch intratertiäre Erosion erfolgt sein, oder der Bernstein stammt aus jüngeren Baltischen Vorkommen (vgl. oben). Auch über die Zeiträume und Wege des postulierten Transportes gibt es keine Anhaltspunkte. Da Flusstransport aus paläogeographischer Sicht ausscheidet, wäre nur mariner Küstenlängstransport denkbar. Dabei müsste davon ausgegangen werden, dass der in der Blauen Erde konzentrierte Bernstein infolge der Aufarbeitung und im Transportmedium Meer (dort schwebend oder als Bodenfracht?) nur noch diffus verteilt sein kann und nach einem hunderte Kilometer langen Transportweg noch weiter „verdünnt“ wurde. Allerdings liegt die Baltische Bernsteinlagerstätte an der Nordküste des Tertiärmeeres, die Bitterfelder Lagerstätte aber an der Südküste. Umso mehr muss unter diesen Gesichtspunkten die Umlagerungstheorie in Frage gestellt werden. Im Kolloquium wurden erstmals die unterschiedlichen Faziestypen der Bernsteinanreicherungen zusammengestellt. Sie sprechen für ähnlichen Ablagerungsmechanismen in der Baltischen und Bitterfelder Lagerstätte, wobei der Bernstein aus jeweils geographisch naheliegenden Wäldern stammen sollte.

Aus der vergleichenden Betrachtung der beiden Bernsteinvorkommen unter sehr unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln (Geologie, Paläogeographie, Paläontologie, Paläoklima, Chemie, Mineralogie) ergeben sich neue Denkansätze für eine ganzheitliche Problemdarstellung der im II. Bitterfelder Bernsteinkolloquium diskutierten Fragen:

  • Ausbau der paläogeographischen und lithofaziellen Untersuchungen der Lagerstättenver-hältnisse hinsichtlich Ablagerungsmilieus und Bernsteintransportmechanismen.
  • Verstärkte und gezielte Auswertung der pflanzlichen Inklusenfunde zur palökologischen Charakteristik des „Bernsteinwaldes“ und der harzliefernden Pflanzen.
  • Auswerten der im Bernstein eingeschlossenen Pollen und Sporen für eine Altersdatierung des Bernsteinbildungszeitraumes.
  • Vergleichende Untersuchungen von Bernsteinen und Retiniten aus den Braunkohlenflözen unter Beachtung der Floren in den Paläomooren.

Der Tagungsband zum II. Bitterfelder Bernsteinkolloquium (RASCHER et al. 2008, Bestellung: meckedruck.de) enthält neben einführenden Arbeiten zur Geologie der Baltischen und Bitterfelder Bernsteinlagerstätte Beiträge zu den Themen Harzbildung, Paläoökologie des „Bernsteinwaldes“, Bernsteineigenschaften, Inklusen, Bernsteinumlagerung/-transport und wissenschaftshistorischen Angaben zu Sammlungsmaterial. Für den Interessierten ist das Heft eine Fundgrube an weiterführender Literatur, tabellarischen Übersichten, erstmals publizierten Inklusenfotos sowie Profilschnitten und Karten zu geologischen und paläontologischen Details der beiden Bernsteinvorkommen. Im Exkursionsführer werden auf einer auch von Interessierten nachvollziehbaren Route Lokalitäten zur Bernstein- und Bergbaugeschichte des Bitterfelder Braunkohlenreviers vorgestellt.

Literatur:
WIMMER, R.; HOLZ, U. & RASCHER, J. (Eds.) (2004): Bitterfelder Bernstein: Lagerstätte, Rohstoff, Folgenutzung. – Exk.f. u. Veröff. GGW 224: 1-85; Berlin.
Landratsamt und Kreismuseum Bitterfeld (Eds.) (2007): Bitterfelder Braunkohlenbergbau- und Industriegeschichte, Geologie der Braunkohlen- und Bernsteinlagerstätte Goitsche, Bernsteingewinnung und -verwertung, Bernsteinarten und Bernsteineinschlüsse, Sanierung des Bitterfelder Bergbaurevieres. – Bitterfelder Heimatblätter, Heft 28, Sonderheft 2007, 1-95; Bad Düben.
RASCHER, J.; WIMMER, R.; KRUMBIEGEL, G. & SCHMIEDEL, S. (Eds.) (2008): Bitterfelder Bernstein versus Baltischer Bernstein: Hypothesen, Fakten, Fragen. – Exk.f. u. Veröff. DGG 236:1-166; Dudendorf.

Informationen zur Bestellung des Tagungsbandes/Exkursionsführers sind auf der Übersichtsseite des Archivs zu finden.