Bitterfelder Bernstein: Geologie, Rohstoff, Folgenutzung

16. Treffen des Arbeitskreises Bergbaufolgelandschaften am 04. und 05. Juni 2004 in Bitterfeld
(Dipl.-Geoln. K. Kleeberg, Freiberg)

Nach der griechischen Mythologie bat Phaethon, der Sohn des Sonnengottes Helios, seinen Vater, ihn mit dem Streitwagen über den Himmel fahren zu lassen. Der Vater erlaubte es, aber die feurigen, geflügelten Rösser spürten die unerfahrene Hand des Wagenlenkers und gingen durch. Schließlich stürzte Phaethon bei rasender Fahrt vom Sonnenwagen. Seine Schwestern, die Heliaden, betrauerten ihn, verwünschten die Götter und wurden zur Strafe in Bäume verwandelt. Sie weinten und ihre Tränen wurden zu Bernstein, den das Meer später an den Strand spülte…

Etwa 70 Bernstein-Enthusiasten folgten der Einladung zum 16. Treffen des Arbeitskreises Bergbaufolgelandschaften der GGW. Die Organisatoren waren über diese Resonanz erfreut, jedoch nicht erstaunt – denn die „Tränen der Götter“ waren und sind selten, begehrt und immer noch ein wenig geheimnisumwittert.

Bitterfelder Bernstein mit Inkluse: Spinne (Foto: I. Rappsilber)

Bitterfelder Bernstein mit Inkluse: Spinne (Foto: I. Rappsilber)

Der schöne Ratsaal des Bitterfelder Rathauses bot einen würdigen Rahmen für den Vortragsteil der Tagung am Freitag Nachmittag. Zunächst wurde der Bogen vom Beginn des Braunkohlenbergbaus im Raum Bitterfeld und der Entwicklung der Industrie über geologische Erkenntnisse bis zur Bergbausanierung und den Bergbaufolgelandschaften gespannt.

Der Vortragsblock nach der Kaffeepause war fast ausschließlich der Bitterfelder Bernsteinlagerstätte an sich und dem edlen Harz gewidmet. Nach einer Einführung zur Entstehung, Entdeckung und Erkundung der Bernsteine im Tagebau Goitsche ging ein Vortrag – wohl erstmals in einem solchen Rahmen – detailliert auf die Gewinnung, Aufbereitung und Verwertung des Materials in den Jahren von 1975 bis1993 ein. Der für die Schmuckherstellung geeignete Bernstein wurde an den VEB Ostseeschmuck nach Ribnitz-Damgarten geliefert und dort verarbeitet. Als Exportschlager brachte er für die DDR begehrte Devisen ein.

Bitterfelder Bernstein mit Inkluse: Langbeinfliege (Foto: I. Rappsilber)

Bitterfelder Bernstein mit Inkluse: Langbeinfliege (Foto: I. Rappsilber)

Der Vergleich von Bitterfelder Bernsteinarten mit anderen Lagerstätten – vor allem aus dem Baltikum – zeigt neue Aspekte zur Entstehung der Lagerstätten. Zum Abschluss ließen die hervorragenden Bilder von Bernsteininklusen und die dazu gebrachten fachkundigen Erläuterungen für die begeisterten Zuhörer Tiere und Pflanzen des Bernstein-Waldes fast lebendig werden.

Der öffentliche Abendvortrag war dem Bitterfelder und dem Baltischen Bernstein gewidmet. Frau Dr. Standke erzählte über ihre Reisen nach Königsberg und zeigte sowohl Probleme und s20/iMöglichkeiten bei der Kartierung der Bernsteinschichten als auch Anstrengungen der Königsberger Region in touristischer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Bitterfelder Bernstein mit Inkluse: Zuckmücke (Foto: I. Rappsilber)

Bitterfelder Bernstein mit Inkluse: Zuckmücke (Foto: I. Rappsilber)

Der erste Teil der Bernstein-Tagung wurde durch einen geselligen Abend im Kreismuseum Bitterfeld beschlossen. Beim Imbiss in den Museumsräumen und während der Besichtigung des kleinen, aber feinen Bernsteinkellers blieb das fossile Harz in vielfältigen Diskussionen lebendig.

Am Sonnabend, den 5. Juni trafen sich die Exkursionsteilnehmer, um per Bus die Bergbaufolgelandschaft zu besuchen. Aufgrund des heftigen Regens beim Start um 8.30 Uhr beschlossen die Herren Exkursionsführer Wimmer, Tropp, Wansa und Junge, die Reihenfolge der fünf geplanten Exkursionspunkte umzukehren. So ging es zunächst zu den Gniester Seen, markanten Zeugen des Altbergbaus in der Schmiedeberger Stauchendmoräne. Mit dem Halt am in Sanierung befindlichen Tagebau Gröbern hörte der Regen auf. Das am Tagebaurand aufgeschlossene Eem-Profil zeigt die Schichtenfolge eins jungpleistozänen Seebeckens, wie sie sonst in Mitteleuropa nirgends aufgeschlossen ist. Spektakulärster Fund ist hier das Skelett eines Waldelefanten. Nach der Flutung des Tagebaurestloches soll der noch zugängliche Teil des Profils als Geotop erhalten bleiben.

Bernsteinführende Schluffe im heute gefluteten Braunkohlentagebau Goitsche bei Bitterfeld (Foto: G. Standke, 1997)

Bernsteinführende Schluffe im heute gefluteten Braunkohlentagebau Goitsche bei Bitterfeld (Foto: G. Standke, 1997)

Weitere Stopps am Einlauf zum Muldestausee sowie am ehemaligen Tagebau Goitsche zeigten in beeindruckender Weise die erfolgreiche Gestaltung der Bergbaufolgelandschaft um Bitterfeld. Hauptthema blieben hier das Hochwasser im August 2002 und dessen Folgen.

Einer der Höhepunkte der Exkursion war die Besteigung des Pegelturms am Rand des gefluteten Tagebaues Goitsche. Hier wurde die im Bernsteinkeller geborene Idee des Bernstein-Tauchens (oder reißerischer: Amber-Dive) für Touristen in spaßiger Weise erneut diskutiert. Immerhin sollen noch etwa 950 Tonnen Rohbernstein im Goitsche-See auf ihre Hebung warten…

Blick vom Pegelturm auf den Tagebaurestsee Goitsche (Bernsteinsee) währen der zeitweise verregneten Exkursion (Foto: K. Kleeberg)

Blick vom Pegelturm auf den Tagebaurestsee Goitsche (Bernsteinsee) währen der zeitweise verregneten Exkursion (Foto: K. Kleeberg)

Das inhaltlich und zeitlich anspruchsvolle Programm konnte an beiden Tagen ohne Abstriche realisiert werden. Die Vielseitigkeit der Exkursionen und Vorträge, das Engagement der Mitarbeiter des Kreismuseums Bitterfeld und der Exkursionsführer und vor allem das enorme Interesse, die Disziplin und die gute Laune der Teilnehmer trotz zunächst ungünstigen Wetters haben das 16. Treffen des Arbeitskreises Bergbaufolgelandschaften am 04. und 05.Juni zu einem vollen Erfolg werden lassen.

Informationen zur Bestellung des Tagungsbandes/Exkursionsführers sind auf der Übersichtsseite des Archivs zu finden.